Retten wir die ÖBB …

… vor ihren Managern und der Bundesregierung

zugEin Jahrzehnt Dummheit, Ignoranz, Unfähigkeit und Freunderlwirtschaft findet 2009 seinen Höhepunkt. Während noch im Vorjahr zunächst hohe Benzinpreise sowie anschließend die Wirtschaftskrise den Umstieg vom Auto auf die Bahn beschleunigen, startet die ÖBB zu Beginn des Jahres die größte Fahrgastvertreibungsaktion in ihrer Geschichte, ruiniert den Ruf des Unternehmens und verspekuliert gleichzeitig knappe fünfhundert Millionen Euro. Konsequenzen – keine.

Kein Wunder, wechselt doch die Führung des Infrastrukturministeriums noch noch schneller als das regelmäßig zugehörig gefärbte Management. Schmid, Forstinger, Reichhold, Gorbach, Faymann, Bures – ein Jahrzehnt, sechs MinisterInnen, Bahn kaputt.

Klare politische Zielvorgaben betreffend Taktfrequenz, Intervallverdichtung, Pünktlichkeit, Erreichbarkeit, Sauberkeit und Komfort fehlen seit Jahren. Der Diskurs dreht sich vielfach um volks- und betriebswirtschaftlich sinnlose Prestigeprojekte wie Koralmtunnel oder fünf Minuten Zeitgewinn zwischen Wien und St. Pölten. Gleichzeitig fehlen jenseits der Westbahnstrecke hochwertige Bahnverbindungen, Nebenbahnen werden ausgedünnt.

Dazu kommen haarsträubende Managementfehler. Zuwenig Lokführer im Jahr 2007, 600 Mio. € verzockt im Jahr 2008 und 2009 entpuppt sich als einzigartiges Desaster. Insbesonder für den vor allem von Pendern genutzten Schnellbahnverkehr rund um Wien. Schon seit Jahresbeginn ohne Begründung verspätet, legt im Mai ein Blitzeinschlag den Norden Wiens lahm. Kupferdiebe werden verantwortlich gemacht und nicht die ÖBB selbst, die seit Monaten darüber Bescheid weiß und nicht im Stande ist, zumindest zentrale Stellwerke zu sichern. Lachhaft. Die unglaublich kreative Baustellenkoordination tut ihr übriges um scharenweise Menschen von der Schiene auf die Straße zu treiben. Die Reaktion der ÖBB – Preiserhöhung und Zugausdünnung. Die endgültige Bankrotterklärung liefert eine Tochtergesellschaft der ÖBB indem sie Güter von der Schiene auf die Straße bringt.

Im letzten Jahrzehnt wurde die ÖBB mehrfach zerschlagen und neu zusammengesetzt. Eine Vielzahl von Managern sowie die ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Draxler, Vorm Walde und Huber wurden großzügigst verabschiedet. Während von MitarbeiterInnen um sie schneller loszuwerden Krankheitsdiagnosen gesammelt werden kassieren Parteigünstlinge und externe Berater Millionen. Mit Peter Klugar gibt es nun den vierten ÖBB-Chef in nur einem Jahrzehnt. Mit Horst Pöchhacker wurde einer der prominentesten Autobahn-Lobbyisten Vorsitzender des Aufsichtsrates.

Retten wir die ÖBB bevor sie ganz kaputt ist.

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10 Antworten zu “Retten wir die ÖBB …

  1. Da stimme ich Dir ganz und gar zu: die ÖBB ist bald gänzlich kaputt.

    Im Gegensatz zu Deinen Vorschlägen halte ich es für zweckmäßiger, funktionierende Bahnverbindungen zu retten und nicht die ÖBB. Die kann meinetwegen den Bach hinunter gehen.

    Meist ist schon was Wahren dran: der Fisch stinkt vom Kopf – aber im Fall der ÖBB fehlen ganz offensichtlich nicht nur im Vorstand, sondern auch weiter unten bis zur letzten Ebene Motivationsfaktoren, einen ordentlichen Job zu machen.

    Ursache: kein Wettbewerb.

    Auch wenn Du liberale Lösungsnsätze gerne mit Satanismus verwechselst: das was der Bahn in unserem Land ganz offenbar fehlt ist Konkurrenz. Als politisch gesteuerter Monopolist können sich Manager wie Personal alles erlauben – die ÖBB sind „too big to fail“ und damit sind keine Konsequenzen zu befürchten.

    Haselsteiner geht mit seiner Privat-Bahn-Initiative in die richtige Richtung – denn als ÖBB ist die österreichische Bahn nicht zu retten.

  2. martin margulies

    in der gegenwärtigen situation wär’s auch bei einer marktliberalisierung nicht besser. das problem ist, dass unzählige verkehrsministerInnen nicht im stande sind zu definieren, wie sie sich nah- und fernverkehr eigentlich vorstellen. welche netzdichte, welche intervalle, welchen komfort, etc. es geben soll.

    ohne diese basis pflücken sich private die (auch für die öbb) rentablen strecken raus, und wer betreibt dann den rest – oder gibt’s das dann alles nicht mehr.

    gelänge diese definition, hätte das öbb management die verpflichtung dies umzusetzen und könnte auch anhand der zielvorgaben geprüft werden.

    nicht jede bahnliberalisierung muß so enden wie in großbritannien (mittlerweile reverstaatlicht) – doch ohne klare politische vorgaben sehe ich für die zukunft der bahn öffentlich oder privat geführt schwarz.

  3. Hans-Peter Haselsteiners Privat-Bahn-Initiative hat nicht zufällig damit zu tun, dass er im Vorstand der Rail Holding AG sitzt?

  4. „nicht jede bahnliberalisierung muß so enden wie in großbritannien“ – so kenne ich Dich gar nicht 😉

    Ist schon klar, dass auch eine etwaige Privatisierung nur auf Basis eines klaren Konzepts funktionieren kann, also nicht als alleiniges Allheilmittel funktioniert. Sonst kommt das raus, was wir gerade beobachten: HPH pickt sich die Rosinen raus – und solange das geduldet wird, kann man es ihm auch nicht übel nehmen.

    Da Du das Fehlen politischer Konzepte zur Rolle der Bahn ansprichst: habe soeben das Grüne Grundsatzprogramm nach dem Begriff „Bahn“ durchsucht. Dieser Begriff kommt auch im grünen Programm nur im Zusammenhang mit „Berufslaufbahn“ vor.

    Wo kann ich nachlesen, wie die „klaren politischen Vorgaben für die Zukunft der Bahn“ unter einem grün geführten Verkehrsministerium aussehen?

  5. Und, was ist jetzt zu tun? Raunzen alleine nützt nichts. Warum keine Volksbefragung, die ÖBB und Politik endlich zwingt, uns ein funktionierendes Verkehrs- und Gütertransportmittel zur Verfügung zu stellen, und das auch in Zukunft.

    Wieso werden die Grünen da nicht endlich aktiv?

  6. @berti, one brick

    auch wenn’s vielleicht nicht ganz zufriedenstellt, verweis‘ ich jetzt mal auf die seite der grünen

    http://www.gruene.at/verkehr/verkehrswende/

  7. Johann Hochstöger

    Zuerst zum Thema Motivation: Also ich möchte in keinem Unternehmen arbeiten in dem der Rechtsstaat so aus dem letzten Loch pfeifft wie bei den ÖBB. Sumper- und Strizzitum haben sich dort, offenbar mit Wissen und Duldung der Kontroll- und Aufsichtsorgane vernetzt. Zum Schaden für den Steuerzahler und Kunden. Wer seiner Arbeit noch mit Anstgand nachgeht ist der Dumme. Mit Satanismus oder mangelndem Wettbewerb hat der Saustall ÖBB daher wenig zu tun. Die Bahn ist schlicht, über Wunsch und Politik des Eigentümers, zu einer Baufirma mit angegliedertem Transportbetrieb verkommen. Verständlich wenn die Manager der größten Baufirmen in den Kontrollgremen sitzen. Seit Jahren verkündet daher ein Verkehrsminister um den anderen milliardenschwere Infrastrukturpakete. Primäres Ziel: Luktrtaive Aufträge und Beschäftigung für die Bauwirtschaft. Folge: Gebaut wird nicht was verkehrspolitisch sinnvoll und wichtig wäre sondern was die Zementlobby insistiert. Siehe Koralm- oder Brennertunnel. Gleichzeitig können sich Personen- und Güterverkehr schon jetzt die „eigene“ Infrastruktur Schiene nicht mehr leisten. Sie verlagern verstärkt Transporte zur Straße. Zahlen lieber Infrastrukturentgelt an die ASFINAG als an die BetriebsAG der ÖBB. Da kann Bures noch so stampfen. Ist ihnen nicht zu verdenken so lange das billiger ist. Schliesslich zerlegte die Politik das Untenehmen in unzählige AGs und GmbHs. Hier gelten andere Regeln als in den Köpfen der einstigen und aktuellen Aushecker vorstellbar ist. Will Bures Transport auf der Schiene erzwingen muss sie die Differenz blechen. Wird noch viel schlimmer werden, wenn Zahltag für die ausnahmslos auf Kredit finanzierten Bauprojekte ist. Denn von Kostenwahrheit zwischen den Verkehrsträgern, insbesonders Schiene und Straße, ist unsere und die europäische Politik meilenweit entfernt. Träumen den neoliberalen Traum das der Wettbewerb das richtet. Mit derart lausigen Rahmenbedingungen hat sich auch allfälliger und notwendiger Wettbewerb auf der Schiene erledigt. Kein privater Schienenbetreiber wird anbeissen um die Krot zu fressen. Zahlen wird für den volkswirtschaftlichen Humbug der Steuerzahler.

  8. @johann

    super kommentar – danke

  9. Hans-Martin Meyer

    Die ÖBB muß ein Verkehrsuntenehmen werden und nicht zuallererst der Auftragsvergabe an den bauindustriellen Sektor dienen.Siehe diverse „Quick-starts“ der Faymann-Bures-Androsch-Pöchhaker Clique.

  10. Als mobiler Pensionist leiste ich mir alljährlich eine Österreichcard Senior.
    Und siehe da, anlässlich einer Verlängerung stellt sich heraus, dass die ÖBB heimlich, still und leise den Preis um 80 Euro erhöht haben.
    Dafür, dass man auf weniger Strecken und mit weniger Zügen fährt.
    Das nenn‘ ich Chutzpe!!!

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